Wahlkampf-Panel Deutsche Wahlstudie, Welle 2: Der Schulz-Effekt

Die Deutsche Wahlstudie ist eine zentrale wissenschaftliche Instanz zur Beobachtung des Wahlverhaltens in Deutschland und gehört zu den umfangreichsten Wahlstudien weltweit.

Das Was und Warum von Wiederholungsbefragungen

Eine Komponente (nähere Beschreibung weiterer Komponenten hier) der Deutschen Wahlstudie ist die regelmäßige Wiederholungsbefragung von etwa 20.000 Wahlberechtigten. Diese Online-Panel-Befragung begann im Herbst 2016 und beobachtet für jeden dieser Befragten wie sich ihre politischen Einstellungen und Wahlabsichten über die Zeit verändern.

Gewöhnliche Querschnittsbefragungen erlauben Rückschlüsse darauf wie sich die Stimmung des Wahlvolkes in der Gesamtheit verändert; dass in dieser Woche mehr Leute SPD wählen wollen als noch vor sechs Monaten.

Wiederholungsbefragungen erlauben völlig andere Fragen zu stellen:

  • Wie reagierten Befragte, die im Herbst noch Linkspartei wählen wollten, auf die Nominierung von Martin Schulz und wie reagierten Personen, die sich ihrer Wahlabsicht unschlüssig waren?
  • Wie stabil sind Wahlabsichten für die AfD oder andere Parteien über Monate hinweg?
  • Wie beeinflusste der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt die Angst vor Terrorismus unter denjenigen, die vorher keine großen Sorgen äußerten,  und wie wirkte das Ereignis auf zuvor bereits verunsicherte Personen?

So eben wurde die zweite Welle der der Deutschen Wahlstudie veröffentlicht (frei verfügbar hier). Die erste Welle erfolgte im September 2016, die zweite Welle im Februar/März 2017. Diese gerade veröffentlichten Daten sind wertvoll, weil sie eine ereignis- und folgenreichen Periode der deutschen Politik erfassen. Im Folgenden einige beispielhafte Analysen zu einem dieser Ereignisse: dem Schulz-Effekt.

Der Schulz-Effekt

In Querschnittsbefragungen sind Rückerinnerungsfragen die einzige Möglichkeit, um intra-individuelle Veränderungen zu verfolgen. Solche Fragen sind aber notorisch unzuverlässig (1, 2). Wenn sich nach einer Wahl die Beurteilung zu einer Partei verschlechtert, können oder wollen sich Respondenten in der Regel nicht daran erinnern, diese Partei jemals gewählt zu haben.

In Wiederholungsbefragungen dagegen hat man schwarz auf weiß die Wanderungsbewegungen jedes einzelnen Wählers registriert. Die ungewichtete Online-Stichprobe dagegen hat den Nachteil, dass sie von vornherein die deutsche Grundbevölkerung nicht abbilden kann und in diesem Aspekt fehleranfällig ist. So aber können sich verschiedene Datenquellen ergänzen.

Im Folgenden werfen wir einen Blick auf Schulz-Wechsler: Diejenigen Personen, die nach der Nominierung von Martin Schulz zum SPD-Kanzlerkandidat im Frühjahr 2017 zur SPD übergelaufen sind und im Herbst 2016 noch eine andere (oder keine) Wahlabsicht angegeben hatten.

SPD? Nie! Oder doch.

Abbildung 1 vergleicht zwischen späteren Schulz-Wechslern und allen übrigens Befragten in der Stichprobe, ob sie sich im Herbst 2016 prinzipiell vorstellen könnten der SPD ihre Stimme zu geben. Die Abbildung zeigt wie problematisch Introspektion zur Erklärung oder Vorhersage eigenen Verhaltens sein kann. Der Schulz-Effekt hat auch Leute zur SPD bekehrt, die eine Wahl der SPD im Herbst noch völlig ausgeschlossen hatten. 13% der Personen, die im Frühjahr 2017 ins SPD Lager gewechselt sind, hatte noch einige Monate zuvor erklärt, dass diese Partei für sie “auf keinen Fall in Frage” komme.

Zum groß überwiegenden Teil hat Schulz aber diejenigen abgeschöpft und mobilisiert, die der SPD ohnehin aufgeschlossen gegenüber standen.

Woher kommen die Schulz-Wechsler?

Abbildung 2 zeigt die Wahlabsicht im Herbst 2016 und damit die Wählerwanderung der Schulz-Wechsler. Der Schulz-Effekt rekrutierte Wähler aus dem linken Lager oder aus ehemals Unschlüssigen. Immerhin aber hatte jeder 10. Schulz-Wechsler im Herbst noch vor AfD zu wählen. (Die Grafik zeigt aber auch die Verzerrungen der Stichprobe. Unions-Wähler sind unter- und AfD-Wähler sind über-repräsentiert.)

Die politischen Einstellungen der loyalen SPD-Wähler und der Schulz-Wechsler

Die folgenden Grafiken vergleichen Schulz-Wechsler mit loyalen SPD-Wählern, die sowohl im Herbst 2016 wie auch im Frühjahr 2017 SPD gewählt haben. Die Violionenplots zeigt die Verteilung eines Merkmals und gibt mit einem weißen Marker im Zentrum den jeweiligen Median an.

Wie unterscheiden sich Schulz-Wechsler von loyalen SPD-Wählern ideologisch?

Gar nicht.

Neu-Sympathisanten und loyale SPD-Wähler ticken in der ideologischen Links-Rechts-Selbsteinordnung (Welle 1) sehr ähnlich.

Wie unterscheiden sich Schulz-Wechsler von loyalen SPD-Wählern in Einstellungen zum Sozialstaaat?         

Gar nicht.

In der Abwägung zwischen weniger Sozialstaat oder weniger Steuern (Welle 1) hegen Neu-Sympathisanten und loyale SPD-Wähler sehr ähnliche Vorstellungen.

Wie unterscheiden sich Schulz-Wechsler von loyalen SPD-Wählern in Einstellungen zu Ausländern?

Etwas

Der Median ist identisch, aber unter Schulz-Wechslern sind etwas mehr Personen mit extremen Ablehnungen gegenüber Ausländern.

 

 

 

 

 

 

 

Wie unterscheiden sich Schulz-Wechsler von loyalen SPD-Wählern in Politikverdrossenheit / externale Selbstwirksamkeitseinschätzung?         

Etwas. Der Median ist identisch, aber unter Schulz-Wechslern sind etwas mehr Personen mit extremer Politikverdrossenheit.

 

 

 

 

 

 

Diffussion des Schulz-Effektes auf Parteibewertung

Die Aufstellung von Schulz hat auf die Partei abgefärbt: Der Schulz-Effekt ging mit einer deutlichen Veränderung in der Bewertung der Partei einher. Die Schulz-Wechsler standen der SPD in W1 noch verhalten gegenüber und haben sich in der Beurteilung den loyalen SPD-Wählern stark angehnähert.

 

Was haben wir gelernt?

  • Dass die zweite Welle des Wahlkampfpanels veröffentlicht wurde und sich Hervorragendes damit anfängen lässt!
  • Dass Leute nicht wissen, was sie tun und schon gar nicht ahnen, was sie tun werden (Manche derer, die heute SPD wählen, haben dies noch im Herbst ausgeschlossen)
  • Dass sich die neuen SPD-Wähler von den loyalen Anhängern in ihren ideologischen Orientierungen und Einstellungen zum Sozialstaat und zu Ausländern nur wenig unterscheiden.

Abschließend noch der Hinweis, dass es sich bei allen präsentierten Ergebnissen um vorläufige Analysen handelt.

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